Freitag, 16. Juni 2017

Vietnam Foodies II.

Immer wenn man denkt, man hat alle Spezialitäten probiert, findet sich an einer Straßenecke doch noch eine unbekannte Speise. Auch jenseits der Schnecken, Frösche, Larven und Hühnerembryos, an die ich mich bisher noch nicht herangewagt habe. 

Bun Dau
Bun Dau ist ein typisches Gericht, das man an vielen Straßenständen bekommt. Es besteht aus einem Teller mit Reisnudeln, die aneinander kleben und daher in kleine Blöcke geschnitten werden, gebratenes Tofu, Paté und kalten Rindfleischstreifen. Zusätzlich gibt es eine Schüssel mit Kräutern, wie Minze, Salat und Koriander. Am gewöhnungsbedürftigsten ist sicherlich die "Mam Tom" Soße, eine fermentierte Shrimp-Soße in dunkel-lila. Auch nach einer Packung Fisherman's Friends wird man den Geschmack noch nicht wieder los. Da diese selbst vielen Vietnamesen zu stark ist, habe ich schon viel Erstaunen erlebt, dass sie mir schmeckt.















Street Sushi 
Nicht wirklich ein vietnamesisches Gericht, dennoch einer meiner Favoriten. Ab ca. 19 Uhr wird da Sushi zubereitet wo tagsüber Autos gewaschen werden. Klingt eigentlich gerade im Zusammenhang mit Sushi wirklich unglaublich, ist aber wahr. Für ca. 5 Euro schwebt man im Sushi-Himmel.














Cha Ca
Cha Ca ist ein wunderbares Fisch-Gericht. In einer großen Pfanne in der Mitte des Tisches werden verschiedene Sorten Fisch zusammen mit Gemüse sowie Ingwer, Knoblauch, Dill und Kurkuma gebraten. Jeder hat zusätzlich seine eigene kleine Schüsseln mit Kräutern, Reisnudeln und Fischsoße. In einer separaten Schale mischt man dann alles zusammen und freut sich über die Geschmacksexplosion. Teilweise bekommt man Reispapier dazu und kann den Fisch und die anderen Zutaten darin einwickeln.


Xoi  
Xoi ist wohl das vietnamesische Pendant zum britischen Porridge und wird besonders gerne zum Frühstück gegessen. Statt Haferflocken wird Klebereis zubereitet und schließlich mit gehobelten Erdnüssen, dünnen Streifen Trockenfleisch und Röstzwiebeln verspeist. Dies ist wiederum ein typisches Straßengericht, dass meist von Frauen aus großen Bastkörben und eingewickelt in Bananenblätter verkauft wird. 





Hanois Eigenheiten

Nach einiger Abstinenz folgen nun weitere Eindrücke aus dem Leben in Hanoi. Gut die Hälfte der Zeit ist nun schon vorüber, ein guter Zeitpunkt also, um ein paar Hanoi-typische Beobachtungen festzuhalten. 

Fahrräder und Motorräder als LKW-Ersatz 
Auf den zweirädrigen Gefährten werden die dollsten Sachen transportiert. Von Blumen, Gasbehältern, mittelgroßen Bäumen, Lieferungen für den Einzelhandel bis hin zu Schweinen, Hühnern und Autoersatzteilen ist mir schon alles begegnet. Während die Motorräder häufig zum Transport auf weiteren Strecken eingesetzt werden, dienen Fahrräder eher dem Direktvertrieb in dem Gewirr der kleinen Gassen. Die Waren werden dann durch lautes Rufen und Klingeln angepriesen. Um ihre Stimme zu schonen, spielen einige Fahrradhändler ihr Angebot von einem Band ab. Typisch sind zum Beispiel Schuhputzende, Blumenverkaufende, Menschen die Snacks loswerden wollen oder einen Reparaturservice anbieten. 





Müllabfuhr
Das Müllabfuhrsystem funktioniert ausgezeichnet und beeindruckt mich nach wie vor. Jeden Nachmittag kann man den eigenen Müll vor das Haus stellen, der dann von engagierten Arbeitern eingesammelt wird. Meistens schieben Frauen in blauen Overalls die riesen, vierrädrigen Schubkarren durch die schmalen Gassen und stapeln die Säcke darin. Ein lautes Klingeln kündigt ihr Auftauchen an. An zentralen Punkten werden die Container dann auf einen LKW umgeladen. Mülltrennung gibt es allerdings nicht. 


Sperrstunde
In der Altstadt gibt es noch immer eine Sperrstunde, um dem Spaß in den sogenannten Bia Hois Einhalt zu gebieten. Die Exekution dieser ist allerdings ein lustiges Unterfangen. Olivfarbende Mini-LKWs mit Plane bahnen sich irgendwann nach Mitternacht ihren Weg durch die Gassen der Altstadt. Ab und an tauchen Polizisten oder Militärs unter der Plane hervor und scheuchen die Leute von der Straße. Der Einsatz eines Megafons ist ebenfalls sehr beliebt um die Angelegenheit zu beschleunigen. Einige Bars dürfen bei geschlossenen Türen weiter ausschenken und das bei Expats beliebte Viertel im Norden der Stadt ist sowieso nicht betroffen. Dort gelten andere Regeln. 

Frühsport
Leider ist es mir noch nicht gelungen, das rege Treiben der frühen Morgenstunden fotografisch festzuhalten. (Was wohl daran liegt, dass die Morgenstunden für mich bisher eher das Ende der Nacht als der Beginn des Tages waren- am Wochenende jedenfalls..) Bewegt man sich gegen 5 Uhr um den großen Westlake mit seiner Uferpromenade, kann man wunderbar den Vietnamesen bei ihrem morgendlichen Workout zuschauen. Menschen strampeln auf Mountainbikes und Rennrädern die noch recht leeren Straßen entlang oder machen Tai Chi mit Blick auf das Wasser und die sich langsam erhebende Sonne. Auch Aerobic steht hoch im Kurs. Mit lauter Musik folgen zwischen 30 und 40 Vietnamesinnen den Schrittfolgen der Instrukteurin, die etwas erhöht auf einem schwarzen Kasten steht. Das Kuriose daran, die meisten sportlichen Aktivitäten werden in bunten Schlafanzügen ausgeführt.



Badminton 
Badminton ist so etwas wie der Volkssport und wird besonders gerne am Nachmittag oder in den frühen Abendstunden gespielt. Wenn man die Stadt ein bisschen besser kennt, kann man die Spielflächen schnell identifizieren, auch wenn diese gerade nicht genutzt werden. Das Netz wird meistens einfach zwischen Bäumen aufgespannt, manchmal finden sich sogar Spielfeldmarkierungen auf dem Boden. Besonders beliebt sind die etwas breiteren Gehwege der Straßen die in Richtung Altstadt führen. Hier bieten die Allee-Bäume zusätzlichen Schatten und machen die Luft etwas frischer als anderswo. 

Dienstag, 16. Mai 2017

Halong Happiness

Ist man in Vietnams Norden darf man sich das Touri-Highlight, von dem allerdings die Einheimischen gleichermaßen begeistert sind, nicht entgehen lassen: Die Halong-Bucht. Die Bucht entstand vor ca. 700.000 Jahren als der Drache, der damals im Meer vor Vietnam wohnte, beschloss die Küste genauer unter die Lupe zu nehmen und sich dem Land näherte. Mit seinem stacheligen Schwanz spaltete er die Felsen vor der Küste und tadaa: die Halong-Bucht. So oder so ähnlich lautet jedenfalls die Legende. Durch den mächtigen Drachen sind auf einer Fläche von 1500m² insgesamt 1969 Kalksteinfelsen und -inseln entstanden, die teils einige hundert Meter aus dem Meer ragen. Da die Gegend zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, bemüht sich die vietnamesische Regierung um deren Schutz. Anscheinend mit Erfolg, denn glaubt man den Berichten meiner  Kolleginnen ist es heute viel sauberer als noch vor ein paar Jahren.

Mit dem Boot schippert man dann gemächlich durch die Szenerie und genießt den Ausblick. So der Idealfall. In Realität liefern die Touranbieter ein straffes Programm. Essen, kayaken, schwimmen, Sonnenuntergang bewundern, duschen, essen, Strategiespiel lösen, schlafen, Tai Chi machen, frühstücken, Höhle besichtigen, duschen, Frühlingsrollen rollen, essbare Blumen schnitzen, Mittag essen. Da vergehen 24 Stunden wie im Flug und das Buch im Gepäck erweist sich als überflüssige Last. Was mehr nach einer chinesischen Reisegruppe in Angkor Wat (oder vergleichbaren Sehenswürdigkeiten) klingt (nein wir hatten keine einheitliche Kleidung..), war aber insgesamt ein wunderbarer Trip mit frischen Seafood, toller Landschaft, frischer Luft und Sonne. Nicht zu vergessen: in netter Gesellschaft!








Freitag, 5. Mai 2017

Sapa: 4 seasons a day


Sa Pa hieß das Ziel des letzten Wochenendes. Sa Pa ist ein kleiner Bergort nahe der chinesischen Grenze, der mittlerweile ähnlich seinen schweizerischen Pendants von Hotels, Restaurants und Ausrüstungsshops dominiert wird und sich darüber hinaus durch eine kulturelle Vielfalt der unzähligen Ethnien auszeichnet. Dank der Feiertage am 1. und 2. Mai (die Vietnamesen haben am 30. April 1975 den Krieg gegen die Amerikaner gewonnen, dieser Umstand und die Wiedervereinigung wird 2 Tage lang gefeiert), konnte ich die Bergluft ganze vier Tage genießen. Wir waren insgesamt zu fünft unterwegs. Da ein Teil allerdings Samstag noch arbeiten musste, machten wird uns zu zweit schon am Freitag auf den Weg. Die Anreise erfolgt mit einem "Sleeper-Bus", ein ulkiges Gefährt, das wie der Fahrende Ritter mit Betten ausgestattet ist. Ernie Prang saß zwar nicht am Steuer, die Fahrweise war trotzdem überraschend ähnlich und so waren wir schon um kurz vor 5 Uhr morgens am Ziel.

Der erste Eindruck beschränkte sich auf einen Radius von 3 Metern, so dicht war der Nebel. Und es war unfassbar kalt. Jetzt machte plötzlich auch das Konzept der Frühstücks-Pho Sinn. Aufgewärmt ging es dann zum Roller-Verleih. Nach einer übermäßig detaillierten Einweisung bretterten wir anschließend den Rest des Tages über Bergstraßen. Jedenfalls hatte ich das Gefühl wir wären schnell unterwegs, tatsächlich gab es niemanden der uns nicht überholte. Nachdem sich der Nebel etwas gelichtet hatte, war der Ausblick eine Pracht. Grüne Hügel, kleine Dörfer, Wasserfälle und Babyschweine. Zu den richtigen Reisterrassen wanderten wir dann am nächsten Tag, als auch der Rest der Crew eingetroffen war. Zusammen mit unserem liebenswürdigen Guide Su Linh, die zur Gruppe der Black Hmong gehört, wanderten wir durch sonnendurchflutete Täler, matschige Hügel hinab und die Reisterrassen hinauf. Der Reis wird in Sa Pa lediglich einmal im Jahr geerntet und dient hauptsächlich der Ernährung der dort lebenden Menschen. Zurzeit werden die kleinen Terrassen bestellt oder sind gerade frisch bepflanzt. In einigen konnte man bereits leuchtend grüne Halme erkennen.

Das Wetter war sehr gnädig, von der morgendlichen Kälte war spätestens um 9 Uhr nichts mehr zu spüren. Die Mittagshitze machte das Wandern zu einer schweißtreibenden Angelegenheit. Nachmittags und besonders abends waren die Temperaturen dann angenehm kühl.

Der Kontrast zu Hanoi hätte größer nicht sein können. Wir freuten uns über die frische Luft und die Bewegung. Die zwei restlichen Nächte schliefen wir in Homestays, wo wir mit schmackhaftem, selbst gekochten Essen verwöhnt wurden. Auch der Reiswein wurde von Glas zu Glas trinkbarer.

















Sonntag, 9. April 2017

Vietnams kulinarische Vielfalt.  

Die vietnamesische Küche ist wunderbar. Gegessen wird meist draußen. Entweder direkt vor dem eigenen Geschäft mithilfe eines kleinen Mini-Kochers oder in einem der vielen Straßenlokale mit ihren Miniatur-Schemeln, auf denen sich mein europäischer Hintern immer schwer tut. Die Lokale sind in der Regel auf ein oder maximal zwei Gerichte spezialisiert, daher muss man sich schon vorher überlegen, welchen Laden man aufsucht. Ohne Sprachkenntnisse macht die geringe Auswahl die Bestellung allerdings deutlich leichter. Anders als in der Thai-Küche oder in Kambodscha, ist alles mehr auf „Do-it-yourself“-Basis. Die verschiedenen Gerichte werden häufig in ihren einzelnen Bestandteilen serviert, sodass man sich nach Belieben die Zutaten zusammenmischen kann. Essentiell sind Reisnudeln, frische Kräuter – häufig Koriander, Minze und Salat- und ein Sud. Hier ein kleiner erster Überblick.

1. Bun Cha

Bun Cha ist eines meiner Lieblingsgerichte und eine Spezialität in Hanoi. Es handelt sich um kleine, über dem Feuer gegrillte Schweinefleisch-Frikadellen, die meist mit Schnittlauch und einer Soße direkt gewürzt werden, bevor sie in einer Fischsoßen-Brühe serviert werden. Dazu gibt es Minze, Koriander und Salat sowie Reisnudeln. Die einzelnen Bestandteile werden dann nach und nach in die Brühe gegeben und gegessen. Häufig isst man eine Frühlingsrolle dazu. Das frittierte Reispapier ist ebenfalls mit Schweinefleisch gefüllt, häufig auch mit Shrimp und weiterem Gemüse. Das bisher beste Bun Cha habe ich in einem kleinen Streetfood-Laden nur 200m von der Arbeit entfernt gegessen.
 










2. Nem Lui

Nem Lui sind Hack-Spieße, die ebenfalls direkt über dem Feuer gegrillt werden. Die Spieße werden dann mit einer Schere vom Holzstab geschnitten und zusammen mit Kräutern, Salat, Kochbanane und Gurke in ein Reispapier gewickelt. Die Rolle wird anschließend in verschiedene Soßen gedippt und direkt mit der Hand gegessen. Es gibt zwei typische Soßen: Zum einen die Chilli-Soße, die aus Fischsoße, Zitronensaft, frischen Chillis und Knoblauch besteht und zum anderen eine Art fermentierte Soja-Soße.
 











3. Banh Xeo

Banh Xeo ist ein Reismehl-Pfannkuchen, der frittiert wird. Der Pfannkuchen ist gefüllt mit Schweinefleisch, Shrimp und Gemüse und wird meist im Ganzen serviert. Wiederum kommt eine Schere zum Einsatz, um den Pfannkuchen in kleine Stücke zu teilen und anschließend mit weiterem Gemüse und Kräutern in ein Reispapier zu wickeln. Den Wrap dippt man wiederum in die oben genannten Soßen. Banh Xeo und Nem Lui gibt es oft in einem Lokal. 


















4. Pho

Pho ist neben den Sommerrollen der Exportschlager der vietnamesischen Küche. Die geschmacksintensive Rinderbrühe wird mit dickeren Reisnudeln und Rindfleisch (traditionell) serviert. Dazu gibt es wieder frische Kräuter. Die nordvietnamesische Pho ist weniger würzig als die südvietnamesische Variante, die auch bei uns bekannt ist. Pho ist hier in Hanoi DAS Frühstück und sobald man morgens das Haus verlässt, ist man umhüllt vom Suppen-Dunst.

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Dienstag, 4. April 2017

Hanois Häusermarkt



Die Suche nach einer längerfristigen Bleibe war eine wahre Odyssee. Zum einen muss man erst einmal den Häusermarkt sondieren und gucken was geht. Oder was eben nicht geht. Stadtplanung in Hanoi ist quasi nicht existent: Einst große Straßen sind mit der Zeit immer kleiner geworden. Neue Häuser wurden direkt nebeneinander gebaut, sodass der Ausblick aus einigen Fenstern jetzt mehr ein Einblick in das Leben der Nachbarn ist. Oft sieht man in den Häusern noch den französischen Einfluss: Fenster mit hübschen Gittern, hohe Decken und Stuck. Durch die dichte Bebauung allerdings oft ziemlich dunkel. Auf der unteren Etage werden in der Regel die Motorräder geparkt, oft gibt es auch noch eine Art Wohnzimmer mit angrenzender, offener Küche. Licht kommt in diese Ebene nur durch die großen Flügeltüren, die meist nach außen hin noch zusätzlich mit einem Gitter versehen sind. Höhe zählt in Hanoi definitiv mehr als Breite: Die Häuser sind meist drei- oder viergeschossig. Entsprechend viele Bewohner gibt es dann in einem Haus. Oft haben die einzelnen Zimmer direkt Zugang zu einem eigenen Badezimmer. Ganz oben befindet sich eine Dachterrasse, auf der die Sonne genossen oder die Wäsche getrocknet werden kann.
In den letzten Wochen habe ich wirklich viele Varianten gesehen. Apartments, die noch halb im Bauzustand waren, Zimmer mit rundum gold-gemusterter Tapete, Räume dunkel wie eine Maulwurfshöhle. Dann aber auch wirklich riesige Stadthäuser, mit wunderschönem dunkelbraunen Holzboden und entsprechendem Interieur, wo selbst die Küche ein Fenster hat. Viele Anekdoten lassen sich auch über die „Makler“ erzählen. Die Rolle dieser ist mir bis heute schleierhaft. Teilweise standen sie auf der Seite der Mieter und versuchten mit allen Mitteln bessere Konditionen auszuhandeln- dann wiederum diskutierten sie zwar engagiert mit dem Vermieter, stellten aber nach wenigen Minuten resigniert fest: „we have failed the negotiations“.

Nachdem ich erst mit anderen Menschen zusammen auf der Suche nach einem ganzen Haus war, bin ich nun doch ohne die Anderen in einem einzelnen Zimmer gelandet. Es ist in einem Haus, welches in einer dieser wirren Gassen steht. Das Haus hat zwei Adressen, je nach dem von welcher der großen Straßen man in das Gassendickicht abbiegt. Ohne Hilfe wäre ich hier nie angekommen! Folglich entspricht das Haus auf der unteren Etage eher der dunklen Kategorie. Die Gegend ist dafür prima und die vier anderen Mitbewohner auch. Auf der Dachterrasse gibt es Hängematten und Blumen und man hat einen fantastischen Blick über die Stadt- das gleicht alles andere wieder aus. Ein Fenster hat mein Zimmer zwar auch, der Ausblick fehlt allerdings.


Sonntag, 19. März 2017

Straßen von Hanoi

Nach einer wettertechnisch wirklich grauenvollen Woche, begrüßten mich am Samstagmorgen warme Sonnenstrahlen. Nein, das ist gelogen. Aber geregnet hat es nicht und auch die Wolken hingen nicht so tief über der Stadt wie die letzten Tage. In meinem Büro, im 18. Stock, konnte ich die letzte Woche wirklich "50 Shades of Grey" begutachten. Mold-March ist nicht umsonst der Begriff für diese Jahreszeit. Die Feuchtigkeit kriecht in jeden Winkel, jede Ritze. Die Klimaanlage wird nicht zu Kühlungszwecken, sondern zum Trocknen eingesetzt: Damit das Raumklima in einem gesunden Zustand bleibt. Nett jedenfalls, dass mir der Regen bei dem Sightseeing am Wochenende erspart geblieben ist. Als erstes machte ich mich auf zum Literatur-Tempel, der weniger ein Tempel und mehr konfuzianische Lehranstalt oder Akademie gewesen ist. In diesen Tagen dient die Anlage den diesjährigen Absolventen als Ort der Abschlussfeierlichkeiten. Auch die Altstadt mit ihren kleinen Gassen ist einen Besuch wert. Es gibt viel zu entdecken. Wunderschön sind die kleinen Holz-Vogelkäfige, die entweder vereinzelt an Bäumen oder an einer Reihe vor den Häusern hängen. Darin sitzen winzige Vögel und zwitschern vor sich hin. Mir würden auch Origami-Vögel genügen. Spannend sind auch die Friseur-Läden, deren Ausmaß lediglich ausreicht, um einen Stuhl und einen Spiegel unterzubringen.  Der Friseurmeister schneidet dann in eher gebückter Haltung die Haare- inwieweit das dem Haarschnitt letztendlich zuträglich ist, das kann ich noch nicht beurteilen.
Der Hoan-Kiem See, mit dem Schildkrötenturm in der Mitte, bildet die Grenze zwischen dem Gewusel der Altstadt und dem französischen Viertel im Kolonial-Stil. Hier werden die Straßen wieder breiter, die Häuser größer und die Geschäfte teurer. Schon Kinder fahren hier die großen Kutschen und bereiten sich praktisch wie mental auf den vietnamesischen Straßenverkehr vor. In dieser Gegend finden sich mehrere Regierungsgebäude und internationale Organisationen.
Es ist die Mischung als altem und neuem, aus Tradition und Moderne, aus staubig und grün, und noch so manch anderer scheinbarer Gegensatz, der diese Stadt so sympathisch macht.














Samstag, 18. März 2017

Auf der Suche nach dem Känguru

„Morning, Sir“- grüßt mich der Sicherheitsmensch vor meinem Apartment nun seit 7 Tagen jeden Morgen mit Inbrunst. Dazu hebt er grüßend die Hand. Der Scheitel sitzt akkurat. Fehlt nur noch, dass er auch die Hacken zusammen schlägt.
Da bin ich nun. In Hanoi. Mit weniger als einem halben Jahr Vorbereitungszeit, von dem ich wiederum nur die letzten Tage vor der Abreise real zur Vorbereitung nutzte, gibt es nun selbstverständlich Dinge, die mich hier wirklich überraschen.

Als erstes die Taxi-Preise. Die Bangkok-Erfahrung im letzten Herbst lehrte mich: Suche ein Taxi mit Taxameter. Doch diese Herangehensweise erweist sich hier als nicht ausreichend, um überteuerte Touristen-Preise zu vermeiden. Die meisten Taxis haben manipulierte Taxameter, deren Preise sich im Sekundentakt exponentiell erhöhen. Noch am ersten Abend fiel ich der Masche zum Opfer. Meine mangelnde Kenntnis über den Wert des Dong im Vergleich zum Euro und die vielen Nullen auf den Scheinen trugen zeitgleich zur Verwirrung bei. Diese Erfahrung lehrte mich und mit dem (zugegebenermaßen sehr komplizierten) Erwerb einer vietnamesischen Sim-Karte inklusive mobilem Internet bin ich auf den Motorrad-Taxi-Service von Uber und Grab umgestiegen. Die Apps zeigen bereits vorher den Preis der gewünschten Strecke und schützen so Menschen vor Abzocke: Vier Kilometer Fahrt kriegt man schon für einen Euro. Hinten auf einem Motorroller ist man sowieso auch viel näher dran am Leben in der Stadt, den Gerüchen, dem Trubel und den Abgasen.
Die Abgase sind die zweite Überraschung. Nicht die Abgase an sich, sondern eher die konzentrierte Form, die über der ganzen Stadt hängt wie eine riesige gelb-braune Wolke. Was ich anfangs noch für Nebel und Wolken hielt, stellte sich schnell als das heraus, was es tatsächlich ist: SMOG. Zwar liegen die Index-Werte für Hanoi noch weit unter denen Pekings, trotzdem handelt es sich mittlerweile um ein gravierendes Problem, wie man der Presse entnehmen kann. Die Schwere der Luftverschmutzung variiert allerdings von Tag zu Tag: Während ich gestern nicht einmal die ersten zwanzig Stockwerke des Lotte Centers (meines künftigen Arbeitsplatzes) erahnen konnte, war heute sogar die Spitze erkennbar.

Natürlich gibt es ebenfalls Dinge, die mir hier auf Anhieb gefallen haben- und die sind auch definitiv in der Mehrzahl. Die meisten Straßen sind gesäumt von wunderschönen alten Bäumen, in denen in der Dunkelheit Laternen oder Lichterketten aufgehängt werden. Überall ist der chinesische Einfluss sichtbar. Es gibt viele kleine Straßenlokale in denen Menschen auf Miniaturhockern ihr Essen genießen. Am Wochenende werden ganze Straßenzüge für den Verkehr gesperrt und die Menschen flanieren um die Promenaden der zahlreichen innerstädtischen Seen oder nutzen die Szenerie für ein ausgiebiges Fotoshooting. Das Ganze gibt dieser riesigen Stadt irgendwie die ruhige Atmosphäre ähnlich einer verschlafenden Kleinstadt. Aufgeschreckt wird man dann erst wieder, wenn hinter einem ein Motorrad hupt und sich mit minimalem Abstand vorbei drängt. Auf den Straßen folgt alles einer unsichtbaren Ordnung. Wie Bienenschwärme wabern die Massen an Motorrädern durch die Straßen und drängen sich vorbei an Fahrradfahrern (ja, die gibt es hier tatsächlich auch), Fußgängern, Bussen und Autos. Jeder biegt ab, ohne groß abzubremsen- solange niemand stehen bleibt, funktioniert alles reibungslos. Diesem Gesetz muss man auch als Fußgänger folgen- anderenfalls bricht Chaos aus und keiner weiß mehr wohin.
Es ist mir sowieso ein Rätsel, wie man sich in dem Gewirr der Gassen jemals ohne die Hilfe von GPS zurechtfinden soll. In der Altstadt, wo die Gassen sich nach ihren Verkaufsprodukten thematisch sortieren (es gibt die Schuhgasse, die Taschengasse, die Motorradsitzgasse, die Spiegelgasse, die Bilderrahmengasse,…), verfügt man wenigstens so noch über einen Anhaltspunkt. Schwieriger gestalten sich manche Wohnviertel, deren teils unbeleuchtete Gassen (um 6 wird es dunkel) sich schier endlos verzweigen. In genau eine solche Gegend ziehe ich morgen für zwei Wochen als Übergangslösung, bis sich was Festes ergibt.