Samstag, 18. März 2017

Auf der Suche nach dem Känguru

„Morning, Sir“- grüßt mich der Sicherheitsmensch vor meinem Apartment nun seit 7 Tagen jeden Morgen mit Inbrunst. Dazu hebt er grüßend die Hand. Der Scheitel sitzt akkurat. Fehlt nur noch, dass er auch die Hacken zusammen schlägt.
Da bin ich nun. In Hanoi. Mit weniger als einem halben Jahr Vorbereitungszeit, von dem ich wiederum nur die letzten Tage vor der Abreise real zur Vorbereitung nutzte, gibt es nun selbstverständlich Dinge, die mich hier wirklich überraschen.

Als erstes die Taxi-Preise. Die Bangkok-Erfahrung im letzten Herbst lehrte mich: Suche ein Taxi mit Taxameter. Doch diese Herangehensweise erweist sich hier als nicht ausreichend, um überteuerte Touristen-Preise zu vermeiden. Die meisten Taxis haben manipulierte Taxameter, deren Preise sich im Sekundentakt exponentiell erhöhen. Noch am ersten Abend fiel ich der Masche zum Opfer. Meine mangelnde Kenntnis über den Wert des Dong im Vergleich zum Euro und die vielen Nullen auf den Scheinen trugen zeitgleich zur Verwirrung bei. Diese Erfahrung lehrte mich und mit dem (zugegebenermaßen sehr komplizierten) Erwerb einer vietnamesischen Sim-Karte inklusive mobilem Internet bin ich auf den Motorrad-Taxi-Service von Uber und Grab umgestiegen. Die Apps zeigen bereits vorher den Preis der gewünschten Strecke und schützen so Menschen vor Abzocke: Vier Kilometer Fahrt kriegt man schon für einen Euro. Hinten auf einem Motorroller ist man sowieso auch viel näher dran am Leben in der Stadt, den Gerüchen, dem Trubel und den Abgasen.
Die Abgase sind die zweite Überraschung. Nicht die Abgase an sich, sondern eher die konzentrierte Form, die über der ganzen Stadt hängt wie eine riesige gelb-braune Wolke. Was ich anfangs noch für Nebel und Wolken hielt, stellte sich schnell als das heraus, was es tatsächlich ist: SMOG. Zwar liegen die Index-Werte für Hanoi noch weit unter denen Pekings, trotzdem handelt es sich mittlerweile um ein gravierendes Problem, wie man der Presse entnehmen kann. Die Schwere der Luftverschmutzung variiert allerdings von Tag zu Tag: Während ich gestern nicht einmal die ersten zwanzig Stockwerke des Lotte Centers (meines künftigen Arbeitsplatzes) erahnen konnte, war heute sogar die Spitze erkennbar.

Natürlich gibt es ebenfalls Dinge, die mir hier auf Anhieb gefallen haben- und die sind auch definitiv in der Mehrzahl. Die meisten Straßen sind gesäumt von wunderschönen alten Bäumen, in denen in der Dunkelheit Laternen oder Lichterketten aufgehängt werden. Überall ist der chinesische Einfluss sichtbar. Es gibt viele kleine Straßenlokale in denen Menschen auf Miniaturhockern ihr Essen genießen. Am Wochenende werden ganze Straßenzüge für den Verkehr gesperrt und die Menschen flanieren um die Promenaden der zahlreichen innerstädtischen Seen oder nutzen die Szenerie für ein ausgiebiges Fotoshooting. Das Ganze gibt dieser riesigen Stadt irgendwie die ruhige Atmosphäre ähnlich einer verschlafenden Kleinstadt. Aufgeschreckt wird man dann erst wieder, wenn hinter einem ein Motorrad hupt und sich mit minimalem Abstand vorbei drängt. Auf den Straßen folgt alles einer unsichtbaren Ordnung. Wie Bienenschwärme wabern die Massen an Motorrädern durch die Straßen und drängen sich vorbei an Fahrradfahrern (ja, die gibt es hier tatsächlich auch), Fußgängern, Bussen und Autos. Jeder biegt ab, ohne groß abzubremsen- solange niemand stehen bleibt, funktioniert alles reibungslos. Diesem Gesetz muss man auch als Fußgänger folgen- anderenfalls bricht Chaos aus und keiner weiß mehr wohin.
Es ist mir sowieso ein Rätsel, wie man sich in dem Gewirr der Gassen jemals ohne die Hilfe von GPS zurechtfinden soll. In der Altstadt, wo die Gassen sich nach ihren Verkaufsprodukten thematisch sortieren (es gibt die Schuhgasse, die Taschengasse, die Motorradsitzgasse, die Spiegelgasse, die Bilderrahmengasse,…), verfügt man wenigstens so noch über einen Anhaltspunkt. Schwieriger gestalten sich manche Wohnviertel, deren teils unbeleuchtete Gassen (um 6 wird es dunkel) sich schier endlos verzweigen. In genau eine solche Gegend ziehe ich morgen für zwei Wochen als Übergangslösung, bis sich was Festes ergibt.

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